Gestaltete Unmittelbarkeit. Atmosphärisches Erleben in einer affektiv-responsiven Umgebung

Die jüngsten Entwicklungen digitaler Technologien zielen auf eine neue Qualität der Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt ab. Die Alltagsgegenstände werden ‚intelligent‘ und nicht nur mit einander, sondern auch mit dem Menschen vernetzt, indem sie auf dessen Handlungen reagieren oder auch eigenständig aktiv werden. Der gängige Ansatz der Technologieentwicklung ist rein funktional und beabsichtigt, den modernen Lebensstil bezüglich Komfort und Sicherheit zu verbessern. Das Projekt geht jedoch davon aus, dass diese Veränderungen entscheidende Auswirkungen auf das affektive, gesamtleibliche Erleben der Menschen haben und untersucht daher die atmosphärischen Qualitäten intelligenter, responsiver Umgebungen.

Seit der Existenz digitaler Medien wird diesen welterschaffende Macht zugeschrieben: Die Visionen von virtuellen Welten, in denen sich der Mensch bewegen kann, als wäre er in seiner ‚realen‘ Umgebung, sind nur ein Beispiel dafür. Bisher jedoch haben uns die künstlichen Schnittstellen (wie Tastaturen, Bildschirme, Datenbrillen, etc.) und ihre Widerständigkeit immer wieder daran erinnert, dass wir es mit einem „Anderen“, von uns Getrennten zu tun haben.Doch derzeit verschwinden die Technologien in unseren Alltagsgegenständen: In Konzepten wie dem „Smart Home“ erkennt unser Kühlschrank eigenständig, was wir wann an Lebensmitteln benötigen, und unser Wohnzimmer reguliert autonom Licht und Temperatur. Derartige technische Entwicklungen (Stichworte: ‚Internet of Things‘ und Biosensorik) verändern ganz entscheidend die Atmosphäre, in der wir uns bewegen: At¬mosphären sind affektiv und damit teils unbewusst erlebte Empfindungen, die Aufschluss über den Charakter unserer Umgebung mit all ihren Akteuren geben. Die „Atmosphäre“ ist daher ein Schlüsselbegriff für dieses Projekt: Von ihrer affektiven und impliziten Eindrücklichkeit ausgehend wird eine künstlerisch gestaltete Umgebung geschaffen, in der die eingesetzten Technologien enge Rückkoppelungsbeziehungen zwischen Mensch und Raum aufbauen. Mittels verschiedener Methoden werden die atmosphärischen Qualitäten dieses responsiven Raumes erkundet sowie die Konsequenzen der eingesetzten Technologien für das menschliche Erleben ausgelotet.

Das Projekt begibt sich sowohl inhaltlich als auch methodisch auf Neuland: Es nähert sich den neuen Technologien nicht aus einer analytisch-reflexiven Perspektive, sondern stellt deren affektives Potential in den Mittelpunkt, das mit dem Begriff der „Atmosphäre“ benannt ist. Damit werden gleichzeitig sowohl technischen als auch menschlichen Akteuren Handlungsspielräume zugesprochen und die Frage gestellt, wie sich das Verschwinden der Schnittstellen auf unser Selbstverständnis als Mensch auswirkt. Insofern bewegt sich das Projekt in einem gesellschaftlich hochrelevanten Feld, das die Konsequenzen neuer Technologien kritisch ausloten will. Methodisch ist es experimentell, weil sowohl etablierte Vorgehensweisen aus den Sozialwissenschaften (Videoaufzeichnung, qualitative Interviews) als auch künstlerische Methoden zur Dokumentierung affektiver Aspekte zum Einsatz kommen sollen. Das Projekt versteht sich daher auch als ein Pilotprojekt zur künstlerischen Forschung. Es ist angesiedelt am Institut Experimentelle Design- und Medienkulturen der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW Basel.